Experteninterview: Jan Schwochow über die optimale Infografik

In unserem aktuellen Experteninterview hat uns Jan Schwochow, Infografik-Experte und Inhaber der Agentur Golden Section Graphics, erklärt, wie gute Infografiken funktionieren.

Wann haben Sie angefangen, sich für Infografiken zu interessieren?

jan schwochow_interviewIch bin schon seit 20 Jahren Infografiker und bin wie viele andere eigentlich ausgebildeter Kommunikationsdesigner – und in den Bereich Infografiken einfach so hineingeschliddert.

Wie hat sich denn in den vergangenen 20 Jahren die Wahrnehmung von Infografiken verändert?

Früher musste ich immer noch erklären, was ich eigentlich mache, was ein Infografik überhaupt ist. Inzwischen weiß das jeder. Die Medien haben sich ja auch stark verändert – damit auch die Infografiken. Durch das Internet wurden Infografiken enorm gepusht. Und dadurch, dass mittlerweile schneller kommuniziert wird, werden die Texte immer kürzer. Dazu kommt immer häufiger der Gedanke auf, einen Chart zu benutzen, eine Infografik oder eine visuelle Geschichte.

Infografiken haben ja auch die Art der Wissensvermittlung verändert, oder?

Meine Grundthese wäre, dass sich eigentlich nicht soviel verändert hat. Infografiken wurden so gesehen schon immer erstellt, schon vor Text und dem Bild. Aber es haben sich natürlich die Geschwindigkeit und die Menge verändert.

Man merkt ja auch, dass Infografiken besonders in den sozialen Medien Klickbringer sind und auch häufig als solche genutzt werden.

Ja, ganz schrecklich! Unsere Intention ist ja nicht, höhere Klickzahlen zu erreichen, sondern eine Infografik so aufzubereiten, dass der Betrachter den Inhalt versteht. Und manchmal sind die Themen halt sehr komplex, während in den Social Media häufig stark vereinfacht wird. Und das hilft einem Thema manchmal nicht.

Infografiken können ja im Idealfall dazu dienen, komplexe Zusammenhänge intuitiver verstehbar zu machen.

Unsere Chance oder Aufgabe ist es, eine genaue Mischung zu finden: Also einmal zu informieren, was natürlich sehr langweilig sein kann, andererseits zu Entertainen. Das ist das Schwierigste bei Infografiken: Auf der einen Seite Aufmerksamkeit zu bekommen, auf der anderen Seite klar zu sein in der Information, über die sich Leser oder User eine Meinung bilden können.

Es gibt dann ja sicher auch die Momente, in denen klar wird: Das Thema ist zu komplex, um es auf eine Infografik herunterzubrechen. Sind Sie schon einmal an eine solche Grenze gestoßen?

Ganz oft! Wir haben sehr häufig diese Schwierigkeit, wenn wir uns mit einem Thema beschäftigen. Man muss schon sagen, dass wir oft so nerdig sind, dass wir jedes kleinste Detail erzählen wollen – und das funktioniert manchmal nicht. Aber die Kunst besteht eigentlich immer darin, zu schauen: Was kann ich weglassen, damit ich das Thema möglichst wertneutral und optimal herüberbringe.

Welche Fehler werden denn besonders häufig bei Infografiken gemacht?

Ganz klassisch: Der Infografiker nimmt einfach eine vorhandene Grafik und baut sie um oder nach. Im Redaktionsalltag passiert ganz häufig folgende Situation: Der Redakteur kommt zum Grafiker und sagt: Es gibt neue Arbeitslosenzahlen, mach mal ne Grafik – möglich hübsch und bunt. Und dann setzt sich der Grafiker hin und baut einfach die Zahlen in eine Grafik ein. Dabei müsste er eigentlich dem Redakteur die Gegenfrage stellen: Was ist denn die Story hinter diesen Zahlen? Sind die Arbeitslosenzahlen gestiegen oder gesunken? Müssen wir das mit den Zahlen der vergangenen zehn Jahre vergleichen? Und was steckt dahinter. Es wird erst wirklich interessant, wenn man etwas besonderes herausfiltern kann.

Wie könnte dann eine ideale Infografik aussehen?

Eine optimale Infografik muss erst einmal auf der ersten Ebene schnell funktionieren. Die Chance von Infografiken ist, in Sekundenschnelle eine Botschaft zu vermitteln. Im zweiten Schritt kann man dann noch tiefer einsteigen. Die beste Infografik ist natürlich die Uhr – für die braucht man auch keine Sprache.

Sagen wir, ein SurveyMonkey-User hat eine Umfrage gemacht – mit dem Thema: „Wie zufrieden sind Sie mit dem Servicepersonal in unserem Restaurant.“ Wie geht er es am besten an, aus den gewonnenen Daten eine sinnvolle Infografik zu erstellen?

Zuerst schaut man sich die Daten an. Was ist die Datenlage? Und kann man daraus überhaupt etwas machen? Bietet sich ein simpler Chart an oder steckt da vielleicht mehr drin? Also zum Beispiel bei diesem speziellen Fall: Sind alle Gäste zufrieden oder gibt es bei der Bewertung Altersunterschiede? Ist es abends schlimmer als morgens zur Frühstückszeit? Es ist wichtig, überraschendes zu entdecken. Vielleicht nutzen die Kellnerinnen nur heimlich ihr Handy und sind deshalb schlechter drauf? Der nächste Schritt wäre dann, die Daten zu vergleichen, also auch andere Umfrage und Studien heranzuziehen und zu schauen, inwiefern die Ergebnisse übereinstimmen und genau umgekehrte Aussagen getroffen wurden. Dann wird es natürlich besonders spannend.

Hast Du noch Anmerkungen oder Fragen zu diesem Thema? Dann hinterlasse uns gerne einen Kommentar oder kontaktiere uns via Twitter.

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