Experteninterview: Maxim Nohroudi über Drohnen im Nahverkehr

In unserem aktuellen Experteninterview hat uns Maxim Nohroudi, CEO der App Ally erzählt, wie die Warenauslieferung über Drohnen künftig dem Verkehrskollaps in Megacities wie Manila entgegenwirken könnte.

Herr Nohroudi, können Sie zum Einstieg kurz ihre App Ally erklären?

Close_Up_Maxim_Nohroudi_largeMBAlly ist eine Nahverkehrsapp, die einem alle Möglichkeiten, wie man in einer Stadt navigieren kann, aufzeigt. Doch diese Funktion ist nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter steht noch etwas anderes: Von 20 Prozent der Städte weltweit bekommt man Informationen und Daten zum Nahverkehr. Es ist zwar nicht so einfach, an diese Informationen heranzukommen, weil sie meistens bei den Behörden liegen – doch diese Hürde haben wir geschafft. Das war der erste Schritt. Der zweite Schritt war, die 80 Prozent der Städte abzubilden, die noch nicht digital erfasst sind. Das sind Megacities wie Jakarta oder Mexiko City, in denen es ein hohes Verkehrsaufkommen gibt – aber keine App, die den Verkehr erfasst.

Ihre App basiert ja auf Crowdsourcing. Wie bringt man denn die User dazu, freiwillig Informationen beizusteuern?

Das muss man in Städten wie Berlin immer ganz explizit erklären, weil wir hier bestimmte Probleme nicht kennen: Vor Ort funktioniert der Nahverkehr ganz gut und es gibt auch ausreichend Apps, die das abbilden. In einer Stadt, in der der Nahverkehr eine ziemliche Katastrophe ist und keiner weiß, wann der Bus kommt und wo er überhaupt lang fährt, gibt es eine ganz andere Problemlage. Deshalb ist die Bereitschaft bei der App mitzuhelfen, bei den Menschen zum Beispiel in solchen Megacities eine ganz andere. Wir sagen: Wenn ihr uns helft, an diese Informationen heranzukommen, bauen wir euch diese App, die für immer gratis bleibt. Das ist der Pakt und die ganze Magie dahinter.

Wie läuft so ein Projekt denn ab – und mit welchen Schnittstellen?

In Manila gibt es zum Beispiel viele lokale NGOs, die uns dabei unterstützen, Markt, Bürger und das Verkehrssystem vor Ort besser zu verstehen – wie zum Beispiel die OpenStreetMap-Community. Mit denen tun wir uns zusammen und versuchen gemeinsam, die Stadt ein wenig schlauer zu machen.

Wie schaut die Situation in Manila aus?

Manila ist eine der schwierigsten Städte insgesamt. Hier wohnen ganz viele Menschen auf einer kleinen Fläche und wollen von A nach B. Die Konsequenz daraus ist, dass die Stadt völlig verstopft. Dazu kommt, dass Manila über wenig digitale Informationen verfügt, die abbilden, welche Verkehrsmittel auf den Straßen unterwegs sind. Es fehlt also eine Art Travelplaner, der einem alle Möglichkeiten der Fortbewegung aufzeigt – und außerdem darüber informiert, wie voll der jeweilige Bus ist, wie viele Menschen warten oder wann der Bus an welcher Haltestelle ankommt. Das ist wichtig, da durch den Stau keine Fahrpläne eingehalten werden können.

Das klingt tatsächlich sehr anstrengend …

In solchen Megacities wie Manila können auch Lieferungen aufgrund der Verkehrssituation ewig lange dauern. Wir reden hier von Zeiträumen, die man sich in Europa teilweise kaum vorstellen kann. Deshalb machen sich all diejenigen, die im weitesten Sinne im Bereich Logistik aktiv sind, Gedanken darüber, wie man aus diesem Schlamassel herauskommen kann. Wir haben vor einiger Zeit auch angefangen, den ein oder anderen Gedanken dazu beizutragen – dabei sind ein paar interessante Ideen entstanden.

Was für Ideen zum Beispiel?

Die Logistiker haben sich eingehend mit den Thema Drohnen auseinandergesetzt und bemerkt, dass diese unbemannten Flugobjekte für solche verstopften Städte interessant sind: Die Warenhäuser befinden sich außerhalb der Stadt, die Bürger in der Stadt. Da stellt sich die Frage, wie man die Ware auf schnellsten Wege zum Konsumenten bekommt. Das kann besonders bei Lebensmitteltransporten sehr wichtig sein.

Den Luftweg mittels Drohnen für solche Warenlieferungen zu verwenden, klingt ja eigentlich sehr einleuchtend.

Es ist aber so, dass Drohnen heutzutage mehr Last transportieren müssen. Doch jeder, der sich mit dem Thema auseinandersetzen muss, weiß, dass die Batterie auch transportiert werden muss. Aber die nimmt nicht nur Platz weg, sondern muss auch mit geflogen werden. Das heißt: Je weniger Batterie, desto besser. Aber weniger Batterie bedeutet zugleich, dass meine Reichweite sinkt. So stellt sich die Frage, wie man dieses Dilemma gelöst bekommt. Unsere Idee war: Alle Busse, die durch diese Städte fahren, haben Dächer. Warum machen die Drohnen nicht einfach Dach-Hopping? Wir stellen uns das so vor, dass sie via GPS Busdächer orten und auf ihnen landen, ihre Solarpanels aufladen und dann einfach von Bus zu Bus hopsen. Der tatsächliche Flugakt wäre vom Warenhaus zum nächstgelegenen Bus, auf dem die Drohne dann landet, von Dach zu Dach hüpft und dann quasi die letzte Meile zum Empfänger fliegt. Diese Idee ist natürlich noch in der Brainstorming-Phase. Aber das ist so ein Konzept, von dem ich glaube, dass wir die Umsetzung noch erleben werden – und zwar nicht in den nächsten 50 Jahren, sondern in dieser Dekade. Die Technologie ist schließlich schon da.

Das klingt ein wenig nach Science Fiction. Und so Begriffe wie Drohnen erzeugen bei vielen auch Bauchschmerzen …

Das ist vollkommen nachvollziehbar – und eine Debatte, die wir uns eher leisten können als andere Länder. Das liegt einfach daran, dass wir von einem bestimmten Komfort ausgehen und nicht den Leidensdruck haben, der in Städten wie Manila oder Jakarta vorherrscht. Dort wünschen sich Konsumenten einfach, dass sie zum Beispiel ein Buch bestellen und es am nächsten Tag da ist. Außerdem handelt es sich hier auch um ein sprachliches Problem: Der Begriff Drohne ist seit einem Jahrzehnt militärisch besetzt und wirkt oft furchteinflößend.

Dass wir den Flugraum in Zukunft anders nutzen werden als heute, wird meiner Meinung nach so oder so kommen – unabhängig davon, wie man dieses Fluggerät nennt. Wir haben zwar einen bequemen Status quo, von dem wir nur ungern abrücken. Doch das ist eine eurozentristische Sicht auf die Welt. Andere Länder benötigen solche Lösungen dringender – und das müssen wir auch zur Kenntnis nehmen.

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